Ausstellung in Düsseldorf · Januar 2026 · Visual Art Journal · März 2026
Sehnsucht. Zwischen den Welten
Eine konzeptionelle fotografische Serie, ausgestellt in Düsseldorf im Januar 2026 und im Visual Art Journal im März 2026 veröffentlicht.
Konzept
Sehnsucht / Zwischen den Welten
Hannover, den 01.12.25
Thema
Unser Leben hinterlässt Fußspuren. Sie sind in unseren Erinnerungen eingeprägt. Erlebnisse und Erinnerungen machen uns zu dem, was wir sind. Wir spüren, wie die Vergangenheit nicht verloren geht, sondern weiter in uns lebt – als Quelle von Orientierung, Identität und oft auch Sehnsucht. Gefangen zwischen zwei Welten: der Vergangenheit und der Gegenwart.
Inhalt des Konzeptes
Ich erzähle meine eigene Geschichte und zeige meine Fußspuren. Ich reise nach 28 Jahren zu meinen Wurzeln zurück und nehme Sie mit. Besuche die Plätze und Orte, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Treffe mich mit den Menschen, die damals in meinem Leben wichtig waren und heute immer noch sind. Ich begebe mich auf die Suche nach dem Grab meines Vaters in einer mir unbekannten Stadt. In meinen Träumen läufe ich immer noch die vertrauten Wege entlang, greife nach frischen Pfirsichen, trinke Wasser aus dem Brunnen am Straßenrand, komme bei den Großeltern auf‘en Teller „Himmelspeise“ vorbei... Es scheint so, dass mein Herz für immer dort geblieben ist, in den weiten Steppen Kasachstans.
Hauptrolle
Nelli Polle-Zengin, geboren am heißen Sommertag in 1975 in Kasachstan. Vor 33 Jahren im Alter von 17 Jahren immigrierte sie mit der gesamten Familie als Russlanddeutsche nach Deutschland. Es war für sie eine schwere Zeit. Die langjährige Freunde zurücklassen, ihre erste Liebe zu verlieren und ohne Sprachkenntnisse in ein komplett fremdes Land für immer zu ziehen. Die Zeit voller Sehnsucht ist in dutzenden Briefen und Bildern festgehalten. In D. hat sie studiert, Kariere gemacht, Familie gegründet und ihr neues Zuhause gefunden. Sie hat sich perfekt integriert. Nelli begibt sich auf die Spuren ihrer Kindheit und Jugend.
Meine Motivation
Meine Motivation ist diese, für mich sehr bedeutungsvolle und emotionale Reise nutzen, um zu verstehen, was für mich persönlich HEIMAT bedeutet und zu zeigen wie wertvoll eine Freunschaft sein kann. Ich reise in die Vergangengeit, wo ich vor über 33 Jahren als Jugendliche gelebt habe. Treffe mich mit meinen Kindheitsfreunden, mit denen der Kontakt nie abgebrochen war. Ich gebe den Einblick in mein Heimatland und zeige die kulturelle Besonderheiten der kasachischen Kultur. Ich portraitiere die Einheimischen und erzähle neben meiner auch deren Geschichten.
In der aktuellen Zeit der Migration, Kriegen und Globalisierung müssen viele Menschen deren Heimat zurücklassen. Oft ist keine Rückkehr möglich. Meine Geschichte zeigt einerseits wie anpassungsfähig ein Mensch sein kann und anderseits, dass die Sehnsucht nach der Heimat und Freunden nie aus dem Herzen verschwindet.
Stil
Porträt- und Dokumentarfotografie.
Nelli Polle-Zengin
VISUAL ART JOURNAL · 15. FEBRUAR · INTERVIEWS
Nelli Polle-Zengin
Geburtsjahr: 1975
Wohnort: Hannover, Deutschland
Ausbildung: Internationales Tourismusmanagement
Kunst in drei Worten: Tiefgründig. Authentisch. Kreativ.
Disziplin: Porträt. Geschichtenerzählen. Konzeptionelle Fotografie.
Ihr Projekt „Longing / Between Worlds“ ist zutiefst persönlich. In welchem Moment wurde Ihnen klar, dass diese Reise zurück nach Kasachstan ein künstlerisches Projekt werden musste, nicht nur ein privates Erlebnis?
Schon vor der Reise. Ich hatte lange davon geträumt, in meine Heimat zurückfliegen zu können. Schließlich hatte ich die Gelegenheit dazu und dachte sofort: Ich möchte das mit Fotos dokumentieren. Ursprünglich dachte ich, ich könnte die Geschichte der sogenannten Russlanddeutschen erzählen. Aber die Menschen um mich herum überzeugten mich, stattdessen meine eigene Geschichte zu erzählen.
Sie sprechen vom Leben „zwischen zwei Welten“ – der Vergangenheit und der Gegenwart. Wie empfinden Sie persönlich diese Spannung heute, nach so vielen Jahren in Deutschland?
Ich träume immer noch von meiner Heimat, obwohl ich Kasachstan vor fast 34 Jahren verlassen habe. Ich fühle mich ständig dorthin zurückgezogen. Ich besuche russische Lebensmittelgeschäfte und suche nach meinen Lieblingsprodukten, höre laut alte Lieder und spiele sie meinen Kindern vor. Ich brenne für meine Heimat; Immer wenn das Wort Kasachstan auftaucht, werde ich verrückt — zumindest sagen das meine Kinder. 😊

Das Gedächtnis spielt bei Ihrer Arbeit eine zentrale Rolle. Wie helfen Ihnen Fotografien, Ihre eigenen Erinnerungen zu bewahren, neu zu interpretieren oder sogar in Frage zu stellen?
Fotos sind für mich die schönsten Erinnerungen. Deshalb fotografiere ich gerne andere Menschen und halte Momente in ihrem Leben fest. So erschaffe ich ihre Erinnerungen. Ich bewahre meine alten Fotos und Fotos meiner Eltern und Großeltern wie einen kostbaren Schatz auf. Die Tatsache, dass ich heute fotografiere, hat mir eine neue, unbezahlbare Chance eröffnet: die Welt um mich herum so darzustellen, wie ich sie wirklich sehe. Ich habe die Natur Kasachstans wiederentdeckt. Als Teenager hatte ich keine Gelegenheit zu reisen. Auf dieser Reise reiste ich mit meinen Freunden zu einigen Naturschätzen, um die Schönheit und Vielfalt meines Heimatlandes zu zeigen.

Die Rückkehr an Ihren Geburtsort nach 28 Jahren muss emotional intensiv gewesen sein. Gab es während dieser Reise einen Moment, der Ihre Wahrnehmung von „Zuhause“ verändert hat?
Oh ja, sehr emotional. Als ich im Flugzeug saß, schrieb ich meine Gefühle in mein kleines Notizbuch: „Mein Herz spürt eine unbeschreibliche Kraft. Kraft, die Berge versetzen kann. Kraft, die aus dem Ruf der Heimat kommt. Sehnsucht. Träume vermischen sich mit der Realität...“
Meine Wahrnehmung von „Zuhause“ hat sich nicht verändert, sondern bestätigt. Als ich nach drei Jahrzehnten die Elternwohnung meines besten Freundes betrat, sah ich, dass sie genau so geblieben war, wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Eine unerklärliche Energie floss durch meinen Körper: Freude, Unverständlichkeit, Traurigkeit, Sehnsucht, aber auch Glück und viel Liebe. Sogar das alte Wählscheibentelefon war noch da. Ich konnte kein Wort sagen. Ich hatte den Wunsch, die gleichen Momente zu erleben wie in meiner Kindheit und Jugend. Also ließ ich mich fotografieren, wie ich Wasser aus einem Wasserhahn im Badezimmer trank, auf dem vertrauten Bett mit dem Teppich an der Wand lag, Tee an dem vertrauten kleinen Küchentisch trank, wie eine Rakete die Treppe hinunterraste und so weiter ... Wenn ich mir heute meine Bilder von diesem Sommer anschaue, habe ich immer dasselbe Gefühl: Ich möchte zurück!

In diesem Projekt fotografieren Sie nicht nur Orte, sondern auch Menschen, die Ihr Leben geprägt haben. Wie hat Ihr persönliche Beziehung zu ihnen die Art und Weise beeinflusst, wie Sie sie fotografiert haben?
Es war absolutes Vertrauen. Ich konnte Fotos ohne Worte, ohne Spannung und auf der gleichen energetischen Ebene machen (gibt es so etwas? 😊). Als ich meinen Mitmenschen von meinem Projekt erzählte, waren immer alle bereit, mir zu helfen: Freunde, Lehrer, Nachbarn, Freunde der Familie, Bekannte und Fremde. Deshalb war es für mich einfach und sehr angenehm.

Ihre Bilder balancieren zwischen Dokumentarfotografie und emotionalem Geschichtenerzählen. Wie entscheiden Sie, wann Sie ruhig beobachten und wann Sie künstlerisch eingreifen?
Ich habe fast immer damit begonnen, eine bestimmte Szene zu dokumentieren. Ich habe erst eingegriffen, als ich sah, dass mein Einfluss ihr vertiefen könnte. Ich habe meine künstlerischen Ideen durch Positionierung, Beleuchtung, Verlagerung der Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes, Bereicherung oder Reduzierung der Szene hinzugefügt. Meine Freunde zeigten immer Geduld und Vertrauen. Sie lassen mich einfach mein Ding machen. Meine Begeisterung war ansteckend. Sie hatten Spaß, weil ich Spaß hatte.

Migration, Vertreibung und Sehnsucht sind heute globale Themen. Welche Art von emotionaler Reaktion hoffen Sie, dass die Zuschauer haben werden, wenn sie Ihrer Arbeit begegnen?
Die Verbindung durch die eigene Erfahrung, das Interesse an einem völlig anderen Leben und/oder das Verständnis für Menschen, die ihre Heimat hinter sich lassen mussten. Ein ukrainischer Kollege sah meine Bilder und sagte: „Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, ich möchte nach Hause. Mein Herz klopft. Ich spüre ein Gefühl der Sehnsucht.“ Ich lächelte breit. Denn genau dieses Gefühl möchte ich vermitteln.







